Kollegen, die uns auf die Palme bringen – und was das mit uns selbst zu tun hat

Im Team zu arbeiten, bedeutet nicht nur Zusammenarbeit und gemeinsames Ziel – es bedeutet auch Reibung, Missverständnisse und gelegentlich Ärger. Manche Kolleginnen und Kollegen schaffen es, dass sich unser Puls allein durch eine Mail von ihnen erhöht. Warum aber ärgern wir uns so sehr über bestimmte Menschen – und was steckt wirklich dahinter? Ein genauer Blick lohnt sich. Denn oft hat unser Ärger mehr mit uns selbst zu tun als mit dem Verhalten des anderen.

Wenn Kollegen Triggerpunkte berühren

Die tägliche Zusammenarbeit konfrontiert uns mit vielen verschiedenen Persönlichkeiten. Manche sind laut, manche leise, einige detailverliebt, andere eher pragmatisch. Während diese Vielfalt grundsätzlich eine Stärke sein kann, geraten wir in bestimmten Konstellationen regelmäßig an unsere Grenzen. Besonders spannend ist: Die Person, die uns am meisten nervt, ist für andere vielleicht völlig unauffällig oder sogar angenehm.

Das liegt daran, dass wir auf bestimmte Verhaltensweisen besonders empfindlich reagieren, weil sie etwas in uns auslösen, sogenannte Trigger. Diese emotionalen Auslöser führen dazu, dass wir unverhältnismäßig stark reagieren: Wir ärgern uns, obwohl der Anlass objektiv gesehen gar nicht so dramatisch ist. Vielleicht weil der laute Kollege uns an eine frühere, dominante Bezugsperson erinnert. Oder weil uns die scheinbar chaotische Kollegin spiegelt, was wir uns selbst nie erlauben: mehr Lockerheit, mehr Spontaneität, weniger Perfektionismus.

Wer sich dabei ertappt, innerlich auf 180 zu sein, sollte innehalten. Die Frage lautet nicht: „Warum ist der andere so anstrengend?“, sondern: „Was sagt meine Reaktion über mich selbst aus?“ Selbstreflexion ist hier der erste Schritt. Denn je besser wir unsere eigenen Muster erkennen, desto souveräner können wir mit ihnen umgehen.

Perspektivwechsel: Was steckt hinter dem Verhalten?

Ein zweiter Schritt auf dem Weg zu mehr Gelassenheit im Team besteht darin, den Perspektivwechsel zu üben. Häufig interpretieren wir das Verhalten anderer automatisch negativ, vor allem dann, wenn wir bereits emotional aufgeladen sind. Der Kollege, der kurz angebunden auf eine Mail antwortet, wirkt auf uns vielleicht unhöflich. Dabei steckt möglicherweise bloß Zeitdruck oder eine schlechte Nachricht dahinter, von der wir nichts wissen.

Gerade in digitalen Formaten, wie E-Mail, Chat oder Videokonferenzen, gehen wichtige Zwischentöne verloren. Was als kühl oder schroff wirkt, ist vielleicht nur knapp formuliert. Anstatt also vorschnell zu urteilen, kann es helfen, sich zu fragen: „Was könnte die Motivation meines Gegenübers sein?“ Vielleicht ist es keine Respektlosigkeit, sondern schlicht Stress. Oder Unsicherheit. Oder schlicht ein anderer Kommunikationsstil. Dieser Blick öffnet den Raum für Verständnis und für professionelles Miteinander, selbst bei persönlichen Differenzen.

Wenn Grenzen überschritten werden

Natürlich gibt es auch Situationen, in denen Rücksichtnahme und Perspektivwechsel an ihre Grenzen stoßen. Etwa dann, wenn tatsächlich respektloses oder grenzüberschreitendes Verhalten vorliegt: Abwertende Bemerkungen, ständiges Unterbrechen, Herabwürdigung in Meetings oder das bewusste Ignorieren von Beiträgen sind keine „Charaktersache“, sondern ein Problem, das angesprochen werden muss.

Hier braucht es keine Harmonie, sondern Klarheit. Wichtig ist, Kritik sachlich und respektvoll zu äußern, ohne selbst verletzend zu werden. Eine Ich-Botschaft wie „Ich empfinde den Ton in letzter Zeit als sehr scharf – ich wünsche mir, dass wir respektvoll miteinander sprechen“ ist hilfreicher als ein Vorwurf („Du bist immer so unhöflich!“). Wenn Gespräche nichts bewirken, kann es sinnvoll sein, sich professionelle Unterstützung zu holen, etwa durch eine Führungskraft, das HR-Team oder externe Moderation.

Dabei gilt: Wir können andere Menschen nicht verändern – aber wir können entscheiden, wie wir mit ihnen umgehen. Und ob wir das Verhalten tolerieren oder uns bewusst abgrenzen.

Kommunikation als Schlüssel zum Teamklima

Zwischenmenschliche Spannungen verschwinden nicht von allein. Doch sie lassen sich oft entschärfen, wenn wir den Mut zur Kommunikation aufbringen. Denn nicht der Konflikt selbst ist das Problem – sondern das Schweigen darüber. Wer nie ausspricht, was ihn stört, staut Frust an. Dieser Frust wird irgendwann spürbar, passiv-aggressiv, in Zynismus oder stiller Ablehnung.

Ein funktionierendes Team zeichnet sich nicht dadurch aus, dass alle gleich ticken. Sondern dadurch, dass Unterschiedlichkeit benannt, akzeptiert und bearbeitet wird. Es braucht Raum für offene Gespräche, in denen Kritik erlaubt ist und wertschätzend formuliert wird. Führungskräfte spielen hier eine zentrale Rolle, indem sie psychologische Sicherheit schaffen und Vorbild im Umgang mit Spannungen sind.

Gute Kommunikation heißt nicht, alles immer ausdiskutieren zu müssen. Aber sie bedeutet, bewusst und klar im Kontakt zu sein. Wer das schafft, beugt nicht nur Konflikten vor, sondern stärkt das Vertrauen im Team.

Fazit: Ärger als Chance zur Entwicklung

Es ist menschlich, sich über Kolleginnen und Kollegen zu ärgern. Aber es ist auch eine Chance zur Entwicklung. Denn jede emotionale Reaktion erzählt uns etwas über unsere eigenen Werte, unsere Grenzen, unsere Bedürfnisse. Wer es schafft, aus dem Reflex auszusteigen und in die Reflexion zu gehen, wird gelassener, klarer und letztlich erfolgreicher im Miteinander.

Die gute Nachricht: Wir müssen nicht darauf warten, dass sich andere ändern. Es reicht, wenn wir bei uns selbst anfangen. Und das bedeutet: Gefühle ernst nehmen, Muster hinterfragen, bewusst kommunizieren und dort, wo nötig, Haltung zeigen. So wird aus Ärger ein wertvoller Lehrer und aus schwierigen Kollegen vielleicht sogar wichtige Impulsgeber für die eigene Entwicklung.

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